In Zukunft werden wir mehr Kunststoffe nutzen

In Zukunft werden wir mehr…

Redakteurin Svenja Geerken, Bio-based News: Kunststoffe stehen aktuell unter großem Druck. Sie mögen Kunststoffe aber immer noch?

Michael Carus, CEO nova-Institut: Unbedingt. Es gibt keine anderen Werkstoffe, die ein so breites Eigenschaftsspektrum aufweisen und mit höchster Effizienz in jede nur denkbare Form gebracht werden können. Hinzu kommt, dass Kunststoffe gegenüber anderen Materialien unter den meisten Nachhaltigkeitskriterien vorteilhaft abschneiden. Dies liegt zum einen an der schon genannten hohen Produktionseffizienz und z. B. an ihrer geringen Dichte, mit der sie bei Transporten punkten können. Oft können Produkteigenschaften zudem mit viel geringerem Materialeinsatz realisiert werden.

Svenja: Also ist eigentlich alles gut und die aktuelle Kunststoffhysterie entbehrt jeder Grundlage?

Michael: Mitnichten! Es gibt ganz erhebliche Probleme, die aber alle gelöst werden könnten und dringend gelöst werden müssen. Schätzungen nach gelangen weltweit etwa 20 % der produzierten Kunststoffe unkontrolliert in die Umwelt, das sind 60 Millionen Tonnen pro Jahr, davon gelangen etwa 8 Millionen Tonnen ins Meer. Der Rest bleibt an Land in Böden, Seen und Flüssen. Das ist vollkommen inakzeptabel. Das andere Problem ist die Nutzung fossilen Kohlenstoffs als Rohstoff, der am Lebensende als CO2 in die Atmosphäre entweicht. Auch das hat keine Zukunft, die gesamte chemische Industrie muss auf erneuerbaren Kohlenstoff - Recycling, Biomasse und CO2 - umsteigen.

Svenja: Für fast 80 % der Deutschen sind nach einer aktuellen Umfrage Kunststoffe eher schädlich als unverzichtbar. Können wir die genannten Probleme wirklich lösen oder sollten wir nicht doch besser auf andere Materialien ausweichen?

Michael: Aber auf welche? Die Vorräte an Metallen sind begrenzt und der Abbau erfolgt oft unter menschenunwürdigen Bedingungen. Und Mineralien? Der Sand für Zement wird bereits weltweit zum knappen Gut. Wir werden in Zukunft auch unsere Häuser nicht mehr wie heute aus Stahlbeton bauen können – sondern eher aus Kunststoffen. Denn deren Rohmaterial Kohlenstoff ist praktisch unbegrenzt verfügbar: Als CO2 in der Atmosphäre, den wir mit Hilfe von erneuerbaren Energien oder als Biomasse nutzbar machen können. Genug Rohstoff für die nächsten Jahrtausende. Dies ist der Grund, warum Kunststoffe an Bedeutung gewinnen werden und das Zeitalter der Kunststoffe gerade erst begonnen hat. Und genau deshalb müssen Kunststoffe so rasch wie möglich nachhaltig werden und ein gutes Image zurückgewinnen.

Svenja: Und wer trägt die Hauptschuld an dem ganzen Dilemma?

Michael: Die Chemie- und Kunststoffindustrie, die systematisch versucht hat, Probleme unter den Teppich zu kehren und auszusitzen, statt aktiv die Probleme aufzuzeigen und zu lösen. Wie man es von einer zentralen Zukunftsindustrie erwarten sollte!

Svenja: Was waren denn die Fehler?

Michael: Das Mikroplastikproblem ist seit mindestens zehn Jahren bestens bekannt; da erschien der Dokumentarfilm aus Österreich „Plastic Planet“. Die Industrie agiert aber nach der Devise: Ignorieren, nicht darüber schreiben, das Problem aussitzen. Die beträchtlichen Mengen an Kunststoffabfällen, die auch in der Europäischen Union unkontrolliert in die Umwelt gelangen, fehlen systematisch in den Kunststoffstatistiken. Bei hormonwirksamen Weichmachern wurden über Jahrzehnte Verbote verhindert. Bei den großvolumigen Kunststoffmüll-Exporten in Entwicklungsländer, die als stoffliches Recycling zählen, wurden die Augen geschlossen. Dabei wusste jeder Experte, was wirklich mit den Kunststoffen geschah. In der Europäischen Union werden weniger als 10 % der Altkunststoffe zu neuen Kunststoffen recycelt. Dabei sind thermoplastische Kunststoffe sortenrein gesammelt sehr gut stofflich recycelbar, besser als die meisten anderen Materialien.

Statt die eigentlichen Probleme anzugehen, wurde sie nur als „Kommunikationsprobleme“ wahrgenommen.

Und wenn die Kunststoffindustrie schläft, darf sie sich nicht wundern, wenn die EU-Kommission und die nationalen Umweltministerien die Sache nun in die Hand nehmen. Die vor kurzem verabschiedete Kunststoffstrategie inklusive der Beschränkung und Verbote von bestimmten Plastik-Einwegprodukten ist die Konsequenz aus diesem Verhalten.

Svenja: Und macht die Politik es nun besser?

Michael: Leider nicht. Natürlich gibt es sinnvolle Maßnahmen, wie das Verbot der oxo-abbaubaren Kunststoffe, die besonders schnell zu Mikroplastik zerfallen. Das Verbot bestimmter Einwegprodukte (der „Single-Use Ban“) ist reine Symbolpolitik und dazu schlechte, die wenig bewirken wird, aber eine Kunststoff-Hysterie anheizt, unnötige Produktverbote ausspricht und das Feld schlechteren Materialien überlässt – und das, ohne die wirklichen Probleme überhaupt zu tangieren!

Dabei gäbe es eine Reihe von Maßnahmen, die im großen Maßstab wirklich etwas bewirken würden: Kunststoffmüll-Exportverbote, Deponieverbote, Pflichtpfand für alle Kunststoffflaschen und alle Getränkearten, Verbot des Einsatzes von Mikroplastik und den verstärkten Einsatz hochwertiger Polymere statt Verbundsysteme, da diese einfacher zu recyceln sind (Design for Recycling). Weltweit könnten Kunststoffabfälle systematisch gesammelt und verwertet werden. Ein weltweiter Standard für den biologischen Abbau bestimmter Polymere könnte Risiken vermindern, wenn ein Entweichen in die Umwelt unvermeidbar ist. Und schließlich braucht es ein klares Konzept, wie der Umstieg von fossilem zu erneuerbarem Kohlenstoff bis 2050 erfolgen soll. Oder möchte die Kunststoffindustrie im Jahr 2050 als einer der größten und letzten Emittenten von fossilem Kohlenstoff am Pranger stehen? Als Zukunftsindustrie? Dabei würde eine Photovoltaik-Fläche von nur 1 % der Fläche der Sahara genügen, um die gesamte chemische Industrie mit erneuerbarem Kohlenstoff zu versorgen – über solaren Wasserstoff und CO2 aus der Luft.





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